Das Kopftuch erinnert an die damit verbundene Unterdrückung von Frauen und Mädchen. Das Kopftuch kann den weiblichen Körper gleichzeitig verbergen und als Besitz darstellen. Es kann in liberalen Gesellschaften als Ausdruck von Selbstbewusstsein getragen werden, aber häufig reicht das Ausmass der mit dem Kopftuch verbundenen Unterdrückung in tiefste patriarchale Abgründe. Unter dem Stück Tuch verbirgt sich oft die krasse Beschneidung und körperliche Verstümmelung der weiblichen Selbstbestimmung und Sexualität, nicht nur im islamischen Afrika und Asien. In meiner jahrzehntelangen auch gynäkologischen Praxis habe ich viele dieser Frauen untersucht. Das Leid war oft unaussprechlich.
Die individuellen Rechte wurden in Europa zuerst in der Diskussion um religiöse Freiheiten und Selbstbestimmung entwickelt. Die Diskussion kann nie abgeschlossen sein. Religiöse Macht wurde immer schon zur Unterdrückung missbraucht. Der Staat garantiert die individuellen Rechte und beschneidet die Machtansprüche von Dritten. Die religiösen Narrative der Eltern und Gemeinden sind Schutz und Bedrohung zugleich. Die Macht der Eltern endet an den Schultoren nicht vollständig, aber der Staat garantiert den Kindern die Freiheit, die sie brauchen. Eltern haben ein individuelles Mitspracherecht, was mit ihren Kindern an der Schule geschieht. Aber der Staat schafft in seinen Schulen den Freiraum, den Kinder brauchen, sich selbstbestimmt in unsere Gesellschaft einfügen zu können. Ein Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen kann helfen.
Die Schule hat auf individueller Ebene auch andere Mittel um zu helfen und Schaden abzuwenden. Aber der Staat ist in Bezug auf sich selbst nicht wertfrei. Mit einem Kopftuchverbot an Schulen sagt er: Unterwirf Dich nicht! Integrier Dich! Ich, der Staat, schütze Dich vor Herrschaftsansprüchen Dritter! Wir brauchen Dich als selbstbestimmt Frau!